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Aktuell

Zum 80. Geburtstag von Alois Glück entfiel bisher die festliche Würdigung - zumindest die ungehaltene Festrede von Prof. Dr. Holger Magel wird hier dokumentiert.

Für das Land! Ungehaltene Festrede 2020 für Alois Glück zum 80. Geburtstag

2020 war vieles anders. So entfiel schon im ersten Quartal das Ehrenkolloquium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum zum 80. Geburtstag von Alois Glück, KLJB-Landessekretär 1964 bis 1971. Seine sehr lesenswerte Würdigung von Prof. Dr. Holger Magel soll jedoch nicht Corona zum Opfer fallen und wird hier wie an anderen Orten der Wissenschaft dokumentiert. Wer da gerade bei aktuellen Entwicklungen etwas in die Geschichte der Landesplanung und Nachhaltigkeit in Bayern einsteigen mag, sollte diese lesen. Viel Vergnügen!

Wer viel gibt, bekommt viel zurück – Im Zuge der beachtlichen Feierlichkeiten und Interviews zum 80. Geburtstag von Alois Glück stach für mich eine Antwort besonders hervor: Auf die Frage, wie er sich die überwältigende Zuneigung und Dankbarkeit von Stadt, Landkreis, Region und dem ganzen Land Bayern erklärte, sagte Alois Glück: “Ich denke, wer gibt, bekommt viel zurück.“ Ja, ich ergänze, wer viel gibt, bekommt besonders viel zurück. Dankbar wollen auch die Akademie und ihre Mitglieder mit all ihren verschiedenen und vielfältig aufgestellten beruflichen Hintergründen und Engagements zurückgeben an Alois Glück, den Patron der Akademie, wie wir ihn im Programm genannt haben, den Patron nicht nur unserer Akademie, sondern auch den Patron für das Land, für den ländlichen Raum, für den wir kämpfen und uns einsetzen. Diesen seinen lebenslangen Einsatz „Für das Land“ wollen wir mit diesem Ehrenkolloquium besonders betonen und würdigen. Mir ist nämlich beim Studium aller Berichte, Gratulationen und offiziellen Statements anlässlich des Geburtstags aufgefallen, dass diese Facette im reichen Leben des Jubilars eher zu kurz kam. Obwohl doch Alois Glück der erste bayerische Landespolitiker war, der nicht nur konsequent die Schaffung eines eigenen Ausschusses für Landesentwicklung und Umweltfragen mit anschob, sondern 1974  dann auch – gerade 34jährig – der erste Vorsitzende dieses Gremiums wurde, dessen Mitgliederliste sich wie ein kleines Who is Who in Bayern liest: Neben dem Vorsitzenden Glück waren z.B. tätig: die Herren Kurt Faltlhauser, Edmund Stoiber, Otto Wiesheu oder seitens der damals noch einzigen anderen Partei Reinhold Kaub, Hans Kolo und Helmut Rothemund.

Kein schlechter Nährboden für spätere Spitzenkarrieren möchte man da sagen. Was ich aber auch sagen,  ja besonders betonen möchte, weil es vieles erklärt: Alois Glück war neben dem damaligen Minister Max Streibl a priori der führende parlamentarische Umwelt- und Landesentwicklungs- oder – sagen wir einfacher – Raumordnungspolitiker in Bayern. Er war sehr schnell die hochgeachtete Kompetenz in allen Fragen des ländlichen Raumes und der ländlichen Neuordnung bis hin zur Flurbereinigung – und eben nicht nur des Umweltschutzes oder der Landwirtschaft, die ihn ja familiär und beruflich geprägt hat. Diese Zuständigkeit und Kompetenz für Flurbereinigung und den ländlichen Raum hat dazu geführt, dass ich bereits 1972 als junger Baurat mit einer Tonbildschau zur Flurbereinigung zu den Bauern hinauszog, um deren Verständnis für die Neuordnung ihrer Felder zu gewinnen. Drei Mal dürfen Sie nun raten, wer der Produzent und Regisseur dieser Tonbildschau war: es war der seinerzeitige Landessekretär der Katholischen Landjugendbewegung  Bayern und zugleich freie Agrar- und Rundfunkjournalist Alois Glück!

Für die Insider ist das schon etwas Besonderes: der junge Glück machte also einen „Aufklärungsfilm“ über  das heiss diskutierte agrarpolitische Instrument  Flurbereinigung , obwohl sein damaliger großer Partner beim Ringen um einen neuen Weg in der Agrarpolitik , der wort- und streitgewaltige Landfunkchef Dr. Erich Geiersberger, ein äußerst kritischer Begleiter der Flurbereinigung und übrigens auch der Dorferneuerung war ! Schon damals also und später erst recht machte Alois Glück das, was er für richtig hielt – was aber kritische Äußerungen zu den vor allem landschaftlichen Auswirkungen der Flurbereinigung nicht ausschloss. 1975 hatte ich dann erstmals direkten Kontakt mit ihm, als er im Wintersemester 1975/76 das Eröffnungsreferat bei dem von mir organisierten 1. Kontaktstudium Flurbereinigung an der TU München hielt. Titel und Stil seines heute noch überaus lesenswerten Vortrags zeigten schon damals unverkennbar sein Markenzeichen, den späteren Glück-Stil eben: es waren (natürlich) Thesen, exakt 14 zur Neuordnung ländlicher Gebiete. Und was hinterließ er den „senior students“ aus allen bayerischen Direktionen sowie der eigens dazu gekommenen ministerialen Führungsriege um Dr. Wilhelm Abb? Eine nicht zu übersehende klare Aussage, ja fast schon Mahnung: „Es fehlt eine Realutopie für die Rolle und die Struktur des Landes im letzten Viertel unseres Jahrhunderts. Es besteht diesbezüglich ein Planungs- und Denkdefizit“.

Glück war eine driving force für die Landentwicklung – Jeder kann sich vorstellen, dass diese Aus- und Ansage „saß“- und dazu führte, dass sich die Flurbereinigungsverwaltung und der von ihr gegründete Lehrstuhl fortan heftigst darum bemühten , dieses Defizit möglichst schnell zu beheben: in Wissenschaft (ich erwähne nur die dann folgenden denkwürdigen Forschungen zur Dorferneuerung , zum ländlichen Wegebau, zur ökologischen und ästhetischen Bilanz oder zur Bürgerbeteiligung etc.) sowie in  Lehre und Praxis. Und sofort stießen sie auf enorme Vorbehalte und Abwehr anderer Ministerien und Verwaltungen, die um ihre Pfründe fürchteten angesichts der aus ihrer Sicht übergriffigen, aber doch im Grunde nur um Ganzheitlichkeit und Gesamtstrategien bemühten Landentwickler. Immerhin erteilte ihnen das FlurbG von 1976 den Auftrag, sich über Landwirtschaft und Landschaft hinaus, diese aber einschließend, um die – wie wir formulierten – integrale Förderung und Neuordnung des gesamten ländlichen Raumes zu kümmern. Uns bayerische Flurbereiniger und mich besonders sollte dieser Spannungsbogen eine nicht immer lustvolle zwanzigjährige Ministerialepoche hindurch begleiten. Hier der Glück’sche Auftrag zum weiter denken, dort die Wagenburgmentalität anderer Verwaltungen, über die Glück selbst immer wieder leicht spottete oder daran gelegentlich auch verzweifelte.

Denn er hatte doch klare Ideen und Vorschläge z.B. zum Bauen auf dem Lande. Am 4. November 1978 formulierte er auf dem Petersberg seine Vorstellungen vom humanen Bauen und einer Bauleitplanung, die eine nicht schnell zu erledigende , sondern eine hohe und ernstzunehmende – und mit Bezug zu heutigen „Verfallserscheinungen“ – schon gar nicht verzichtbare Kulturleistung darstelle .Warum? Weil sie über das Zusammenleben und die Lebensqualität der Menschen entscheide. Auf dieser denkwürdigen Tagung  hat unser Jubilar auch das große Potenzial der blutjungen Dorferneuerung für die Umsetzung seiner Ideen von einem  besseren Planen, Bauen und Leben auf dem Lande (an)erkannt. Nachdem die Bundesregierung 1980 die Förderung der Dorferneuerung eingestellt hatte (und ich damit beinahe arbeitslos geworden wäre) führte er als Ausschussvorsitzender zusammen mit seinen Kollegen Gustl Lang, Herbert Hofmann, Herbert Huber , Josef Niedermayer und Paul Diethei  eine prominente und parlamentarisch unbesiegbare Unterschriftenliste zum Antrag auf Aufbau eines eigenständigen Bayerischen Dorferneuerungsprogramms an. Am 19. Mai 1981 war es dann soweit: Das bis heute so populäre und vielfach nachgeeiferte Dorferneuerungsprogramm wurde vom Landtag als landespolitische Aufgabe der Agrarpolitik beschlossen –  eine Sternstunde der bayerischen Politik und Ergebnis eines grandiosen Zusammenspiels von weitsichtigen Landtagspolitikern aus allen Landesteilen Bayerns und einem ebenso weitsichtigen und klug die Fäden ziehenden Minister Hans Eisenmann. Ich muss sicher nicht näher ausführen, dass Alois Glück fortan ein wohlwollender, aber zugleich auch fordernder Patron einer insbesondere partizipativen Dorferneuerung war, der viele inhaltliche Anstöße gab , aber z.B. auch schützend seine Fraktionsvorsitzenden-Hände über die Dorferneuerung in Verantwortung der Flurbereinigungsverwaltung hielt, als  ein himmelstürmender und nach Höherem strebender neuer Innen- und Bauminister meinte, er müsse die immer attraktiver gewordene  Dorferneuerung „zurückholen“ in sein Ministerium. Wobei der Ausdruck „zurückholen“ ziemlich falsch war, weil es dort die Dorferneuerung nie gab, vorher dort auch niemanden interessierte und weil die Dorferneuerung ein legales und nicht widerrechtlich angeeignetes Kind der Flurbereinigung und des Flurbereinigungsgesetzes war und ist.

Er dachte frühzeitig über die Landwirtschaft hinaus – Alois Glück hatte also längst auch die moderne Flurbereinigung im Visier und dies nicht nur als Umwelt- Ausschussvorsitzender, beispielsweise bei dem Thema der heiß umstrittenen Rotwand-Almsanierung, sondern auch als Landesentwickler hinsichtlich ihrer planerischen und bodenordnerischen Möglichkeiten in der Kommunalentwicklung, der er zusammen mit dem Autor dieser Zeilen im Jahre 2000 ein eigenes  Buch „Neue Wege in der Kommunalentwicklung“ widmete. Sie war immer schon sein großes Herzensanliegen , gerade bei der sozialen Frage und, ich sage es nochmal, beim Thema Bauen und dem offensichtlich zeitlosen Thema Bauland(be)schaffung. Wissen denn Alle, die heute so viel über die derzeitige Baulandproblematik reden und schreiben, dass Alois Glück bereits 1981 ein Buch veröffentlicht hat mit dem Titel „Mehr Bauland ist möglich“ und dies 1994 mit einem Autorenkollektiv in Form eines neuerlichen Buches „Wege zum Bauland“ wiederholte? Jedes Mal betonte er die große gesellschaftspolitische Bedeutung der Wohnbaulandfrage für die Menschen und eine mutigere Kommunalpolitik und jedes Mal waren Flurbereinigungsexperten unter den Autoren. “Was spricht dagegen, dass sich die Gemeinde A um die Ansiedlung von Gewerbe kümmert, die Gemeinde B Vorsorge für das Wohnen trifft? Es liegt auf der Hand, dass dann natürlich auch die Nutzen und Lasten geteilt bzw. gemeinsam getragen werden müssen.“ Das ist kein Kommentar zu heutigen Ideen der Integrierten Ländlichen Entwicklung, sondern ein Glück – Zitat aus dem Jahre 1994, also vor 26 Jahren! Fast unnötig zu erwähnen ,dass Glück sich aber schon damals ebenso eindeutig gegen eine „übersteigerte Zubetonierung und Zersiedelung der Landschaft“ gewandt hat. Wie notwendig dieser Aufruf war und immer noch ist , zeigen die gegenwärtigen kontroversen Flächenverbrauchsdiskussionen in Landes-und Kommunalpolitik  (Stichwort 5 ha Richtwert) sowie in unserer Gesellschaft.

Alois Glück entwickelte sich unübersehbar immer mehr zum wichtigsten Abgeordneten im Landtag für das Lager des ländlichen Raumes, für die ländlichen Gemeinden und Landentwickler, weil er weit, ja, ich möchte sagen, weiter dachte als viele andere und sich nicht gefesselt fühlte an überkommenes enges berufsständisches Denken. Weil er frühzeitig wusste, dass es nicht mehr allein um Landwirtschaft bei der Stärkung des ländlichen Raumes gehen könne, sondern um viel mehr, um Handwerk, Industrie, neue Energieformen, Gemeinschaftsräume, schlicht um eine Gesamtsicht und –strategie in ökonomischer, infrastruktureller, landes- und soziokultureller , aber auch sonstiger immaterieller Perspektive – gerade auch , um die Landwirtschaft und die von ihr gepflegte Kulturlandschaft zu erhalten. Dabei scheute Glück nicht davor zurück , recht unkonventionell zu handeln: Immer wieder fragte der einflussreiche Politiker auch einen jungen Ministerialrat nach seiner Meinung in ländlichen Planungs- und Strukturfragen oder er erbat Beiträge aus der Dorferneuerungspraxis, wobei es nicht immer leicht war für den Beamten , diesen von ihm sehr geschätzten direkten Kontakt mit einem maßgeblichen Abgeordneten in einem hierarchiegeprägten Ministerium zu rechtfertigen. Mit Abgeordneten durfte nur mit Wissen der höheren Ränge oder gar der politischen Spitze geredet werden. Alois Glück wusste dies natürlich, aber er ging souverän darüber hinweg und honorierte und baute dadurch die jungen Leute auf.

Ich sprach von immateriellen Aspekten:  Es ging nicht nur um Kulturlandschaft, sondern auch um Heimat. Glück sprach früh davon, warnte aber gleichzeitig vor Heimattümelei. Seine 1975 an der TUM erhobene und auf mich einen bleibenden Eindruck machende Forderung nach Realutopien wiederholte er immer wieder, z.B. 1988 bei der legendären Akademietagung in Neukirchen am Großvenediger „Was braucht das Dorf der Zukunft? Philosophie oder Geld oder beides?“ oder 1990 im von ihm und dem Autor dieser Zeilen herausgegebenen Buch „Das Land hat Zukunft! Neue Perspektiven für die ländlichen Räume “. Die tschechische Ausgabe dieses Buches war die Blaupause für das Dorferneuerungsprogramm unseres Nachbarlandes. Glück hatte keine Scheu, sich zu Visionen und Leitbildern zu bekennen, wo andere sich auf eine vielzitierte Aussage eines früheren Bundeskanzlers zurückzogen: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“.

Ohne Alois Glück sähen die Dorferneuerung und Verwaltung für Ländliche Entwicklung wohl anders aus – Nein, Helmut Schmidts seltsamer Spruch war nicht sein und unser Fall, wir haben aus dem klaren öffentlichen Bekenntnis eines längst zur politischen Elite des Landes aufgestiegenen, aber bei sich gebliebenen Dorf- und Land- Menschen viel Ermutigung, Kraft  und Innovation gezogen. Auch aus seinem Bekenntnis: Gestalten – eine Lieblingsformulierung unseres Jubilars- kann man nur, wenn man eine Vorstellung von der Zukunft hat. Wir können dafür nur immer wieder Danke sagen.

Ich gehe – ohne nun aus dem politischen und administrativen Nähkästchen plaudern zu wollen – so weit , zu sagen: Ohne Alois Glück gäbe es wohl die Dorferneuerung in Verantwortung der Ländlichen Entwicklung nicht mehr. „Da muss uns der Glück helfen“ hießen vielfache Stoß- oder Hoffnungsseufzer in den 80er und ganz besonders in den reformwütigen 1990er Jahren. Wie ein 7. Nothelfer half er der Dorferneuerung, der Verwaltung für Ländliche Entwicklung oder den Schulen für Dorf- und Landentwicklung (hier Foto vom 20 Jahrjubiläum Thierhaupten) gegen Angriffe von außen und innen. Er war – wie Bayernressortchef Sebastian Beck in der SZ so treffend formulierte – der politische und fachlich äußerst versierte Controller der Staatsregierung. Er bekannte sich von Anfang an zur Unterstützung der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum, weil er sie als Ideen- und Fortbildungsschmiede für notwendige Visionen und Leitbilder ansah, und bereicherte sie in unzähligen Veranstaltungen, oft zusammen mit der HSS, ob es Inputs und Statements zur Aktiven Bürgergesellschaft waren,  zu Raumordnung oder ethisch basierten Gerechtigkeitsaspekten und dem Gebot gleichwertiger Lebensbedingungen oder ganz besonders zur Nachhaltigkeit. Unvergessen sein immer wieder gemachtes Statement, ja fast schon Mantra: „Unsere heutige Art zu leben, ist nicht zukunftsfähig“. Leider hat er Recht behalten. ..

Das Soziale in den Mittelpunkt gerückt – Glücks Einfluss brachte uns dazu, sich intensiv mit seiner Idee einer neuen Bürger- und Sozialkultur zu beschäftigen, sie und die Vision einer Aktiven Bürgergesellschaft und neuen Verantwortungsgemeinschaft von Staat, Wirtschaft, Kommunen und Bürgern gerade an den Schulen der Dorf- und Landentwicklung mit den Kommunalpolitikern und aktiven Bürgern zu diskutieren und in den Vorhaben der Dorferneuerung, Integrierten Ländlichen Entwicklung oder in der Gemeindeentwicklung umzusetzen. Er hat als einer der ersten Landespolitiker das große Potential interkommunaler Zusammenarbeit erkannt und deshalb sofort die pionierhafte Regionale Landentwicklung rund um den bayerisch-schwäbischen Auerberg unterstützt und 1994 demonstrativ besucht, als zwei Regierungspräsidenten sie noch aufhalten wollten. Aus diesem Pilotvorhaben ist die Integrierte Ländliche Entwicklung hervorgegangen, die heute in weit über 850 bayerischen Gemeinden praktiziert wird , selbst im anfangs so sperrigen selbstbewussten Oberbayern.Es ging Glück neben den auf der Hand liegenden infrastrukturellen Verbesserungen immer auch um einen stärkeren Focus nach innen, auf den sozialen Bereich, um die Bildung einer Gemeinschaft, um eine lokale und dörfliche Welt, „die von aktiven Menschen lebt, die mehr tun als ihre Pflicht“ . Wie recht er auch hier hatte, zeigt die aktuelle Veröffentlichung der bundesdeutschen Arge Nachhaltige Landentwicklung von 2019, die den Namen „Soziale Dorferneuerung“ trägt und die Nutzung des Sozialen Kapitals in den Mittelpunkt stellt!  Dieses lebenslange Bekenntnis zur Gemeinschaft, die zunächst allein schultert, was sie tragen kann (Subsidiarität), lebt Glück wie nur wenige andere sichtbar mit und in jedem Atemzug. Er möchte es wieder und wieder umgesetzt sehen, ob in der Kommunalentwicklung oder beim Arten- oder Klimaschutz. Es ist bezeichnend, dass er in seinem Bericht zum von ihm höchst souverän geleiteten „Runden Tisch Artenvielfalt“ erneut auf die notwendige Menschenaktivierung vor Ort verweist und hierbei auf die erfolgreichen Beteiligungs- und Aktivierungsinstrumente der bayerischen Dorf- und Landentwicklung.

Dorf -, Gemeinde- und Landentwicklung sind für Glück keine Nischen -, sondern elementare Lebensfelder, wo es für andere nur noch um Trump, Brexit, China, Afrika und sonstige globale Themen wie Armut und nun Corona geht! Glück hat beides – darunter auch den Transfer bayerischen LandentwicklungsKnow hows nach China  oder sonstige globale Aktivitäten bayerischer Landexperten – im Blick, weil er weiß: Je globaler, komplexer und unruhiger die Welt wird, desto mehr brauchen Menschen Übersichtlichkeit, Beheimatung und ein Zuhause. (Hier Foto von 20 Jahre Bayern Shandong Seminar 2007  ) Dazu ein Originalzitat aus Glücks Buch „Abstieg oder Aufbruch?“: „Ein wichtiger Stabilitätsfaktor einer Gesellschaft ist in erster Linie die Stärkung der kleineren überschaubaren Räume. Wir müssen ihre Autonomie und ihre Lebenskraft stärken“. Glück hat das Bekenntnis zur kleinen Einheit und gelebten Demokratie von unten nach oben zur Basis seines Denkens und Handelns gemacht. Welche Arroganz also, wenn Grossstadtmenschen und sog. Urbanisten meinen, nur sie lebten das echte Leben. Nein, das echte Leben spielt sich auch und gerade auf dem Lande ab. Niemand weiß es besser als Alois Glück, wenn er über die Herausforderungen in der Landwirtschaft, beim Flächensparen, Arten- oder Klimaschutz, Veränderungen unserer Kulturlandschaft oder über das Stadt-Land-Gefälle spricht. Alles Themen, die unsere Akademie, nun im Zeichen der Corona Pandemie sogar in grellem Scheinwerferlicht,  beschäftigen, und wo wir immer wieder seinen Rat und seinen Input brauchen.

Und auch seinen unausgesprochenen und dezent gewährten Rückhalt, wenn die Akademie sich gemäß ihrem Satzungsauftrag wieder einmal kritisch – konstruktiv zu Vorgängen und Entscheidungen in der bayerischen Landespolitik äußern muss.   Es ist müßig darüber zu spekulieren, wie Alois Glück und sein damaliger für Landesentwicklung und Umweltfragen zuständiger Ausschuss beim Thema Anbindegebot , Riedberger Horn  oder (un)verbindlichem 5 ha Ziel ha entschieden hätten. Nicht müßig ist es, zu hoffen, dass all seine Nachfolger im Landtag im Sinne der Bayerischen Verfassung so souverän , ausgeglichen und zukunftsbewusst entscheiden, dass wir einerseits eine florierende Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung fördern und andererseits die für ein Gedeihen der Wirtschaft ebenso notwendige stabile Natur sowie identifikationsstärkenden Kulturlandschaften und Orts- und Landschaftsbilder erhalten.

Ein Ausnahmepolitiker und Ausnahmemensch – Mit Alois Glück würdigen wir einen bayerischen Ausnahmepolitiker und einen Ausnahmemenschen, der nicht müde wird, ein neues Leitbild von Fortschritt anzumahnen, bei dem die immer wieder gefährdete Würde des Menschen im Mittelpunkt steht. Und der auch klar ausdrückt, was andere zu wenig sagen: Ohne Werteorientierung schaffen wir keine Selbstbegrenzung!

Ich hatte das Glück, ihn Jahrzehnte hindurch begleiten zu dürfen und von ihm bereichert und – inzwischen Freunde geworden – in schwersten Stunden auch familiär getröstet zu werden. Und ich darf nach diesen langen Jahren ganz persönlich sagen: Alois Glück war das berufliche Glück meines Lebens – aber ich meine nicht nur für mich, sondern wohl für viele andere. Wir danken ihm aus ganzem Herzen!

Wir haben die Verpflichtung, unseren Beitrag zu leisten –  Was gerade schon nach dem Ende der Rede klang, war es das natürlich noch nicht, denn: Alois Glück hört nach eigener Aussage ja auch noch nicht auf. So ist es typisch Glück, dass er sich heute noch für den Betrieb eines Dorfladens in seinem Heimatdorf einsetzt und natürlich die Jubelveranstaltung dazu selbst moderiert hat. Denn er ist ja Gott sei Dank noch topfit – körperlich und geistig. Und er ist noch zu-lernfähig, wie er z.B. im Vorjahr bezüglich der ihm vor dem Runden Tisch so nicht bewussten dramatischen Herausforderungen beim Artenschutz zugab.

Gleichwohl gilt: Man muss nicht mehr jeden Tag in aller Herrgottsfrüh auf den Geigelstein kraxeln und beim Gipfelabstieg den jetzt erst Aufsteigenden das schlechte Gewissen des Spätaufstehers einjagen. Außerdem, Glück hat es selbst eingeräumt: die Berge, auch der Geigelstein oder der Wildkogel, werden immer höher. Aber die Gnade, in fortgeschrittenem Alter noch so präsent und achtsam zu sein und diese Fitness für die Gesellschaft nutzen zu können, ist ein Geschenk und für uns ein wunderbares Vorbild. Warum? Weil es uns anstiftet, Alois Glück zu folgen beim Geben, beim Zurück- Geben an die Gesellschaft. Denn, so unser Jubilar immer wieder: „Unsere Generation ist eine privilegierte Generation. Die Generation vor uns hatte es unendlich schwerer und die Jungen, die nachkommenden Generationen, werden wieder eine härtere Wegstrecke gehen müssen. Deshalb haben wir, die Senioren und Aktiven unserer Generation, eine besondere Verpflichtung, unseren Beitrag zu den Aufgaben dieser Zeit einzubringen.“

Ich habe immer noch im Ohr, was mir der scheidende Landtagspräsident Alois Glück bei seinem letzten Schleißheimer Sommerempfang im Juli 2008 gesagt hat: „Holger, die Probleme um die ländlichen Räume und die Landwirtschaft nehmen national und global zu. Es gibt noch viel für dich zu tun, wenn du in Pension gehst.“ Wieder einmal hat Glück recht gehabt, aber er hat vergessen zu ergänzen: „Es gibt noch viel zu tun, dies gilt natürlich auch für mich“

Das Problem ist jetzt nur: wann geht Alois Glück wirklich in Pension? Ich glaube, diese Antwort kann nur er selbst geben. Und selbst , wenn wir es wüssten, es geht ja ohnehin weiter. Glück handelt wie sein Geburtsjahrgangskollege Muhammad Yunus, der Erfinder des Mikrokredits an Mittellose, der im ZEIT Interview bekannte : “Alles was ich sehen will, ist, dass der Fluss in die richtige Richtung fließt- dabei will ich helfen, solange ich kann“.….so lange jedenfalls, lieber Alois, wie Du fit bist und es Dir Spaß macht, uns und den Menschen in Bayern zu helfen. Du hast einen olympischen Stand und Status erreicht, wo das Alter längst keine Rolle mehr spielt, sondern nur noch Weisheit und Abgeklärtheit . Das muss man ja erst mal schaffen, dass Chiemgauer Bürgermeisterkandidaten gleich welcher Couleur auf die Frage nach ihren politischen Vorbildern antworten: Alois Glück, Mahatma Gandhi, Barack Obama… Abgeklärt und weise hast Du auch Deine Gedanken zur Umkehr und zum richtigen Handeln in der Nach Corona Zeit entwickelt – „Corona und Klimawandel – wir sind eine weltweite Schicksalsgemeinschaft“ , eine Mußlektüre für alle!

Münchens scheidender Staatsopernintendant Nikolaus Bachler hat mehrmals öffentlich bekannt, dass er über das älter werden reflektiert. Und was kam dabei heraus? „Wenn man älter wird – so Bachler – schaut man mit so viel mehr Zuneigung auf jüngere Generationen. Wie schauen die? Wie denken die?“ Genau das spüren die Jüngeren auch bei Dir, lieber Alois, und sie geben die Zuneigung an Dich zurück. In diesem Sinne, lieber Jubilar, verehrter Lao Fu (verehrter weiser Alois Glück), ein aufrichtiger Wunsch von Deiner Akademie: Hundert Mal langes Leben, ad multos annos! Wir hoffen , ja wir sind fast sicher, dass es gemeinsam mit Kathi noch viele viele Jahre werden, denn erst kürzlich haben  – so Nicole Grün in ihrem SZ Artikel „Dranbleiben“ vom 18./19.Juli 2020 – amerikanische Universitären wieder bestätigt: Menschen, die im Alter weiterarbeiten, ob beruflich, ehrenamtlich, als Berater oder Moderator von Runden Tischen, sind nicht nur gesünder, sondern leben auch länger. Du hältst es überdies mit dem Gehirnforscher Gerald Hüther: “Der Mensch kann nur überleben (oder lange leben), indem er sich weiterentwickelt. Jeder, der stehen bleibt, jeder, der nichts mehr lernt, jeder, der keine Lust mehr hat, irgend etwas zu entdecken und zu gestalten, ist im Prinzip scheintot. Das Wort „Ruhestand“ darf man deshalb nicht zu wörtlich nehmen.“ Alois Glück ist der schlagende uns allen Mut gebende Beweis!

Literatur beim Verfasser erhältlich – Autor: Univ.Prof. EoE Dr.-Ing. Holger Magel, früherer Leiter der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwicklung, des TUM Lehrstuhls für Bodenordnung und Landentwicklung und der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum – Kontakt: magel[at]landentwicklung-muenchen.de

Verfasser: Prof. Dr.Holger Magel , Ehrenpräsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum –  Original Quelle “DVW Bayern Mitteilungen Heft 4/2020”

Foto: Bayerische Akademie Ländlicher Raum 

 

„Ich bin glücklich auf dem Land, weil man do d’Weißwurst no vor 12e isst.“
Stefan